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Am 20. August 1928 hielt ich zitternd mein 1. Anstellungsdekret in den Händen. Da hieß es unter anderem: Mit Rechtswirksamkeit vom 15. September 1928 wurde Ihnen
provisorisch die Lehrstelle in Greit, Gemeinde Pfunds, verliehen. Ich machte einen Freudensprung und war überglücklich, denn ich wartete ja schon bereits zwei Jahre auf eine Anstellung. Greit? Mir
unbekannt! Ich stellte aber keinerlei Ansprüche, wollte nur anfangen und hinein in die Schule! Zur damaligen Zeit gab es Lehrer im Überflusse. Nach der Matura wurde uns gesagt, es bestehe keine
Aussicht in den nächsten 5 Jahren eine Lehrstelle zu bekommen. So konnte mancher Lehrer oft erst nach 7 oder 8 Jahren die Befähigungsprüfung ablegen und dann war noch ein weiter Weg zu einem
Definitivum. Eine bittere Zeit! Die kleinen, einklassigen Bergschulen im Bezirke wie Buschlin, Gigl, Grist, Greit, Wand, Kobl usw. waren damals noch sogenannte Notschulen, die erst später
systematisiert (planmäßig geordnet) wurden. Diese Lehrstellen besetzten fast ausschließlich weltliche Lehrerinnen, denn in den Dörfern im Tal unterrichteten neben einem Schulleiter meist geistliche
Lehrschwestern, die sich in den Gemeinden auch caritativ betätigten. Ich war aber mit meiner „Hochschule“ vollauf zufrieden und in meinem Übereifer stellte ich mich schon 3 Tage vor
Schulanfang beim Bürgermeister in Pfunds er war Vorsitzender des Ortsschulrates vor und meldete mich zur Dienstübernahme am 15. September. Mit gemischten Gefühlen bestieg ich dann auf dem
alten Waldweg den Greiter Berg und erreichte nach einer Gehstunde den ersten Bauernhof „beim Ploner“. Dort lag der Schlüssel zur Schule. Nach einer Viertelstunde, vorbei an den einfachen
Höfen, vorbei an der kleinen Kapelle, war ich bereits in Schulnähe. Die alte „Köhlernutter“ saß auf einer Steinstufe vor ihrem Haus und sagte: „Seids ös öppa dia nui Lehrarn? Ös seids aber
wotta a Jungi, ös wearads öppa dia groaßa Buaba nit derpacka.“ Gute Aussicht, dachte ich. Dann zeigte sie hin zur Schule. Ja, ich sah das altersschwache, verhockte Schulhüttl
einsam und verlassen am Wiesenhang kleben. Angebaut war das „stille Örtchen“, das man am Schulschluß „vergessen“ hatte auszuräumen. Nun
sperrte ich die Haustüre auf und betrat das erstemal über einen kleinen Gang die Schulstube. Ich sah mich um, schaute nach allen Seiten, setzte mich
dann auf die erste Schulbank und mir kamen die Tränen. Erste Enttäuschung, nackte Wirklichkeit! Die Schulstube war in einem fürchterlichen Zustand:
Das Holzgetäfel war von oben bis unten verrußt und ein richtiger SelchküchenGeruch stieg mir in die Nase. Die Schulbänke und Fensterbalken waren verkratzt, verdreckt und eine Fensterscheibe war
durch Wellpappe ersetzt. Kein Wasser, kein elektrisches Licht trostlos! Auf dem wackeligen
Tisch stand eine verrußte Petroleumlampe und hinter dem Ofen war der Kehricht aufgehäuft. Die Landkarte vom „heiligen“ Land Tirol
hing halb zerfetzt an der Wand und die Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer, Speckbacher und Haspinger schienen mit mir zu
trauern. Von der Schulstube aus ging's hinein ins LehrerinnenKammerle. Die Tür hatte kein Schloß; sie wurde mit Hilfe eines rostigen
Nagels und einer Hanfschnur zugehängt. Die Einrichtung bestand aus einem „antiken“ Bettgestell, daneben lehnte ein Stuhl, dem ein Bein fehlte fertig!
Was nun tun? Ich faßte Mut und ließ sofort den Fraktionsvorsteher kommen und erklärte ihm, daß ich erst dann mit dem Unterricht
beginnen werde, wenn alles sauber ist und die wichtigsten Mängel behoben sind. Der Vorsteher, Herr Pöder, musterte mich von oben
bis unten und meinte: „Bis iatz ischt no jedi Lehrarn Zfrieda g'wösa und hat salt aufgräumt und inkentet“. Nach einem langen Hin und
Her ich wollte doch als Anfängerin nicht gleich zu energisch auftreten sah er dann doch ein, daß ich die Kinder nicht in einem
Schweinestall unterrichten wollte. Der Mann überlegte, und endlich versprach er mir, Putzerinnen und Handwerker zu schicken.
Mein erster Bericht an den Bezirksschulrat war: Ich konnte am 15. September den Unterricht leider nicht beginnen, nachdem alle
oben genannten Voraussetzungen noch nicht gegeben waren. Es war mir sehr unangenehm, daß mein 1. Bericht an die Behörde so
lauten mußte. Am Montag kamen dann 5 Putzerinnen und 3 Handwerker und nun war in kurzer Zeit alles sauber, die wichtigsten
Mängel behoben und das Notwendigste herbeigeschafft. Die Greiter zeigten dann einen guten Willen und wollten der neuen Lehrerin
doch alles recht machen. Am Donnerstag, dem 18. September, war es soweit und ich konnte die Sommerschule, 1. und 2. Schuljahr
„ansagen“ und dem Bezirksschulrat meinen Schulbeginn bekanntgeben. Die Winterschüler kamen erst am 1. Oktober nach getaner
Erntearbeit. Nun kam der 1. Schultag, der große Tag, der für Lehrer und Schüler unvergeßlich bleibt. Ich stand vor der Haustüre,
wartete, schaute und horchte. Auf einmal vernahm ich ein eigenes Geklapper und schon standen die netten Bergkinder mit den
frischen Wangen und leuchtenden Augen erwartungsvoll vor mir. Auf dem Rücken trugen sie ein Holzkistchen mit Lederriemen, in
dem die Schiefertafeln und die hölzernen Griffelbüchsen klapperten. Eine feine Musik! Nach einer herzlichen Begrüßung führte ich die
5 Mädchen und 6 Buben sie ließen mich keinen Augenblick aus dem Auge in die Schulstube und dann dann wurde mir warm ums
Herz und ich ging mit Freude an die Arbeit. Schon in den ersten Tagen machte mir ein Zweitklassler eine Liebeserklärung: „Di mäg i
vo alle Weiberleit am liebstigsten“. Das tat wohl! Diese Bergkinder brachten aber nur einen ganz kleinen Wortschatz mit in die Schule
und die Zahlbegriffe 4 und 5 waren noch lange nicht selbstverständlich.
In der Nachbarschaft, bei Fam. Westreicher, bekam ich ein kleines Kammerle zum Schlafen. Allerdings nur bis Allerheiligen, denn's
Kammerle gehörte dem ledigen Vetter Serafin, der in der Schweiz arbeitete und den Winter daheim verbrachte. Das Zimmerle war
wohl sauber, hatte aber kein Wasser, kein elektrisches Licht und keine Heizmöglichkeit. Vor dem Fenster türmte sich eine
Ackermauer auf, in der sich verschiedenes Ungeziefer aufhielt, und Katzen und Hunde hatten da, zwischen Fenster und Mauer, ihr
Stelldichein. So war das Lüften nicht sehr ratsam! In der Ecke stand die alte Bettstatt mit dem Strohsack, in dem ich fast versank.
Einmal machte das 4jährige Söhnchen, der Serafin, in meiner Abwesenheit Visite im Kammerle und meine Zahncreme, die etwas
süßlich schmeckte, war fort. Der Kleine vermutete da eine Schleckerei und aß davon, und den Rest verschmierte er.
Der 1. Oktober rückte heran und ich freute mich schon auf die Winterschüler. Von den 3 kinderreichsten Familien Thöni, Westreicher
und Netzer zählte ich 21 Kinder und im ganzen waren es dann 36. Dazu kam noch ein 15jähriger Pfundser, der dort von seinem
Klassenlehrer kein Abgangszeugnis bekam und vom Bezirksschulrat aus noch ein Jahr strafweise die Schule besuchen mußte. Der
Schüler, der ganz verbittert war, weigerte sich und wollte die Schule in Pfunds nicht mehr besuchen. Die Eltern waren verzweifelt, und
die Mutter bat mich, ihren Sohn in die Greiter Schule aufzunehmen, da dort ihre Schwester verheiratet war. Ich erkundigte mich beim
Schulleiter in Pfunds über diesen Schüler und da hörte ich von allen Seiten nur Nachteiliges. Man riet mir, den Buben ja nicht
aufzunehmen; er bringe mir die Klasse durcheinander, hieß es. Ich überlegte, wollte aber der guten Mutter die Bitte nicht abschlagen
und „nahm mir den Eduard“. Somit hatte ich 9 Schuljahre in meiner Klasse. Es war bestimmt als Anfängerin nicht leicht mit diesem
Abteilungsunterricht fertigzuwerden. Mit der Zeit aber hatte ich mich eingearbeitet und fand den Unterricht an der „Einklassigen“ sehr interessant und bekam Freude daran.
Die Eltern waren fast ausschließlich schulfreundlich und das hat mir die Arbeit erleichtert. Disziplinäre Schwierigkeiten gab es keine. Mein großer Pfundser, der Eduard, gab keinen
Anlaß zu einer Klage. Schon in den ersten Tagen brachte er mir eine Fleißaufgabe und ich sah darin seinen guten Willen. Mit der Zeit entpuppte er sich sogar zu einem Kavalier und riß
mir die anderen Buben mit. Nach dem Unterricht hieß es: „Sollen wir Ihnen Wasser vom Tobel holen oder die Bergschuhe putzen?“ Es war also ein gemütlicher Betrieb!
Zur damaligen Zeit hatten wir Ganztagsunterricht und an dem schulfreien Donnerstag war Mädchenhandarbeit und Fortbildungsschule.
Allerheiligen stand vor der Türe und ich mußte bevor der Vetter Serafin aus der Schweiz
kam ins Schulhäusl übersiedeln. Das Bettgestell war ja schon da und der frisch gefüllte Strohsack wurde mir frei Haus geliefert. Der
Stuhl, der das Nachtkastl ersetzen mußte, bekam inzwischen den 4. „Stollene und 's Guckfensterle erhielt „a Vorhangl“. Mein roter
Holzkoffer bildete dann noch den Farbklecks im Kammerle und der Kleiderkasten war „im Geiste“ da! Ich fand es dann nicht so
übel und mußte zufrieden sein. Zu einem kleinen Bettvorleger den ich mir gewünscht hätte fehlte mir das Geld. Ich hatte ja nur 130, S
Monatsgehalt. Zum Vergleich: Ein Arbeiter zahlte damals am Tag 3, S Kostgeld. Wir Lehrerinnen hatten zur damaligen Zeit
gegenüber den männlichen Kollegen 10% weniger Gehalt. Es hieß, die Frauen können sich selber kochen, waschen und flicken. Dabei
hatten wir mit MädchenHandarbeit noch mehr Wochenstunden. Was würden etwa die Lehrerinnen in der heutigen emanzipierten Zeit
zu dieser Ungerechtigkeit sagen? Wir konnten uns nicht wehren, mußten alles hinnehmen und froh sein, eine Anstellung zu haben. Wir
hatten auch kein Geld zu einem Buch für die Weiterbildung und von einer standesgemäßen Kleidung keine Rede.
Ich war übersiedelt und verbrachte den 1. Abend so ganz allein etwas ängstlich im Schulhäusl. Tagsüber war schon eine richtige
Föhnstimmung. Ich putzte den Zylinder, machte Licht und arbeitete noch an der Vorbereitung für den nächsten Tag. jetzt, auf einmal,
fing der Föhnsturm an zu heulen, rüttelte und schüttelte an Fenstern und Türen, verfing sich im offenen Kamin und jaulte ganz
fürchterlich. Die losen Bretter am „stillen Örtchen“ schlugen aufeinander und mich packte eine schreckliche Angst und ich fühlte mich
in der alten Hütte nicht mehr sicher. Sofort schlüpfte ich in meine hohen Schuhe und ohne sie zu schnüren lief ich auf und davon und
kam halb verzweifelt in meinem alten Quartier bei der „Weißl Seffa“ an. Die Hausfrau nahm mich bei der Hand und sagte: „Iatz tian
Sie mir richtig derbarma, bleibat döcht no da, der Vettar kimt erst übermoarga“. In der warmen Bauernstube, beim Ofen, erholte ich
mich dann vom großen Schrecken und dann schlief ich das letztemal im SerafinKammerle. Diesmal entdeckte ich auf dem Strohsack
einen warmen Ziegelstein. Ich fand es rührend, daß die gute Hausfrau an meine kalten Füße gedacht hat. Herr Westreicher machte dann noch den Gang zur Schule, löschte dort die Lampe aus und sperrte ab.
Am Morgen sah dann alles wieder rosig aus und ich ging froh und munter in die Schule. Nun kam der Abend und die Angst vom
Vortag lag noch in meinen Gliedern. Ich wollte aber tapfer sein, riß mich so gut es ging zusammen, ging dann frühzeitig ins Bett,
horchte noch nach allen Seiten und dann schlief ich ein. Nach Mitternacht, auf einmal, fing's im Strohsack an zu rascheln. Ich
schreckte auf, nahm sofort Bett und Decke und verbrachte die restliche Nacht schlaflos auf der 1. Schulbank. Mit Hilfe meiner
Schulaufräumerin, der Judith, machte ich dann am nächsten Tag der Bettmaus den Garaus.
Inzwischen war dann auch die alte Rußküche hergerichtet. Der alte offene Herd wurde herausgerissen und an dessen Stelle kam ein
kleiner Eisenherd. Das Wasserbankl und's Kastl strich ich mir mit blauer Ölfarbe an und ein Mausloch vernagelte ich mit einem
Brettchen. Der Tischler brachte mir dann ein kleines Tischchen und dazu einen Hocker. Es blieb aber ewig eine Rauchküche! Die
Lebensmittel holte ich mir aus Pfunds (3 Gehstunden hin und retour), da es in Greit keinen Laden gab. Einmal, ich war gerade beim
Musrühren, vernahm ich am Hausdach ein Gepolter und dann kam von oben, vom offenen Kamin eine Männerstimme: „Freilein, kann
ma dä telefoniera?“ Ich erschrak sehr und - legte den Hörer auf! Unterhalb des Weges konnte man direkt aufs Dach steigen.
Am Nikolausabend überraschten mich meine Schüler mit dem alten Greiter Nikolausspiel. Mit einem großen Gefolge kam der
„Sonniklås“ in die Schulstube. Hexen kehrten mit Reisbesen die Stube aus und es wurden Verse aufgesagt Ich kann mich an den Inhalt nicht mehr erinnern.
Den Silvesterabend verbrachte ich ganz allein in meinem Schulhaus, denn damals hatten wir zwischen Weihnachten und Neujahr
Unterricht. Mit heftigen Böllerschüssen hat mir die Greiterjugend das neue Jahr 1929 angekündigt.
Bekanntlich war der Winter 1928/29 abnormal kalt. Wochenlang zwischen -20° und -30°. Um nicht zu frieren, mußten wir in der
Schule den ganzen Tag durchheizen. In meinem Kammerle bildete sich an den Wänden Rauhreif und Bett und Decke waren ständig
feucht. Kein Wunder, daß ich dann eine arge Erkältung davontrug. Der Pfundser Arzt stellte Lungenspitzenkatarrh fest und wollte
mich beurlauben. Ich wollte aber nicht aussetzen und so hat sich die Erkältung bis zum Frühjahr hinausgezogen.
1. Inspektion! Herr Larcher aus Fließ, der damals unser Bezirksschulinspektor war, kam Ende Mai ganz unverhofft auf Inspektion.
Ich stellte meinen Kindern den hohen Besuch vor, indem ich sagte: Herr Inspektor wolle wissen ob wir brav gelernt hätten und was
wir jetzt können. Von hinten kam dann eine Bubenstimme: „Dä weard nit viel außarschauga“. Herr Inspektor mußte herzlich lachen.
Diese 1. Inspektion war für mich von großer Bedeutung. Die verständnisvollen Worte meines Vorgesetzten, Worte der Anerkennung,
der Aufmunterung haben mein Selbstvertrauen gehoben und ich „schulmeisterte“ mit noch mehr Freude weiter. Vom Arzt aus mußte
ich aus Gesundheitsgründen das Wohnen im Schulhaus aufgeben. So hatte ich immer wieder mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen.
Nun war inzwischen das abgebrannte „HansnerHaus“ in Greit neu aufgebaut und ich bekam dort ein Zimmer, das ich auch heizen
konnte. Ich war dann überglücklich, nur fehlte mir noch das elektrische Licht.
Im Jahre 1930 brachte mir mein erstes Radio mit Kopfhörer eine willkommene Abwechslung. Da das elektrische Licht fehlte, mußte
ich allmonatlich meinen Akkumulator im Elektrowerk in Pfunds aufladen lassen. In Pfunds hieß es dann: Die Greiter Lehrerin hat sogar
„an Radio“. Die alte Frau Thöni wollte einmal „dös komische Zuig“, wie sie sagte, „ausprobiera“. Ich setzte ihr die Kopfhörer auf und
da hörte sie zuerst Sprechen und dann Musik. Sofort riß sie den Hörer vom Kopf und sagte: „Na na, dös geaht nit mit rechta Dingar
zua, dös ischt a Tuiflsweark“. Ein Greiter Original war der alte Greiter Müller. Er hauste ganz allein in seiner Getreidemühle im
„Wassertalele“. Die uralte, interessante Klappermühle, 's Mühlbachl und die heimelige Umgebung fand ich immer sehr romantisch. So
machte ich dem alten Kauz er war vom alten Schrot und Korn hin und wieder einen Besuch. Jedesmal, wenn ich kam, freute er sich
und erklärte mir immer wieder von vorne den ganzen Mühlgang, d. h. er schrie ihn mir ins Ohr! Die alten Mauerreste im „Wassertalele“ erzählen heute noch vom alten Greiter Müller.
Im „SchwarglHof“ bei Fam. Pedroß gab's immer eine nette Ansprache. An das heimelige Stübchen kann ich mich heute noch gut
erinnern. Der Hof hat sich nach außen hin jetzt nach fast 50 Jahren kaum verändert. Engelbert, der heutige Besitzer dieses Hofes und
sein Bruder Lois waren meine Schüler. Der „SchwarglVater“ war ein sehr gescheiter, belesener Mann und ich hörte ihm gerne zu. Er
erzählte mir immer wieder, wie sich das harte Leben der Ahnen abspielte und wie das Wenige oft teuer, unter Einsatz von Leben und
Gesundheit, erkauft wurde. Wiederholt konnte ich auch aus seinem Munde hören, daß sein Vater im Jahre 1897 den letzten Bären im
Oberland geschossen hatte. Die „SchwarglMutter“ war eine tüchtige Paznaunerin. Wenn ich so am Abend vorbeikam, wurde mir der
armen Lehrarn eine Schale kuhwarme Milch „serviert“.
Nun kam so langsam das Schifahren in Schwung und in Pfunds wurde der 1. Schiklub gegründet, an dem ich mich auch betätigte.
Kurz Hans, ein begeisterter Bergler, war unser Obmann. Zum Schifahren gehört aber eine Hose! Es war zur damaligen Zeit schon
sehr gewagt, wenn wir 5 Mädchen vom Klub in voller Ausrüstung zum Schifahren ausrückten. Die Hosen für Frauen waren damals schon gar nicht „in“.
An die 1. „Fuchsjagd“, die wir in den Greiter Bergwiesen (in meinem geliebten Tschey) veranstalteten, kann ich mich noch gut erinnern.
Auf wiederholtes Bitten des Pfundser Pfarrers, der Religionslehrer in Greit war, stellte ich mit Hilfe meiner Kollegen eine
Theatergruppe zusammen. Pfarrer Kätzler brauchte Geld für gute Zwecke. Ritterstücke waren damals aktuell. Die Theaterkostüme
bestellte ich von der Leihanstalt Hundegger aus Innsbruck. Alles war damals nicht so einfach, aber es machte Freude.
So war ich neben meiner Greiter Schule auch hin und wieder in Pfunds beschäftigt und nahm mir auch dort ein Zimmer. Bei allem
Wind und Wetter machte ich dann jeden Tag den weiten Weg zu meiner Schule. Jung muß man sein! Mit all den Jahren war ich dann mit Land und Leuten eng verwachsen. Die natürlichen Bergkinder
habe ich besonders lieb gewonnen. Sie kamen mit allen Sorgen, mit Freud und Leid zu mir und was so der Alltag mit sich brachte durfte ich miterleben. Wenn im Haus oder im Stall Nachwuchs erwartet
wurde ich wußte es. Wenn die Mutter einmal gar kein Geld mehr hatte und schon in aller Frühe „auf
a Rescha“ ging (4 Gehstunden) in der Hoffnung, dort von der Base ein Geld zu bekommen ich wußte
es. Und wenn sich der gute Vater am Sonntag in einem Pfundser Gasthaus „verhockte“ und erst am Montag in der Früh heimkam auch das wußte ich.
Der Ploner Franzl, ein recht pfiffiger „Lauser“ kam immer wieder mit den jüngsten Neuigkeiten und
„Sensationen“ in die Schule: „Miar hoba nacht an Bock abg'stocha und wenn a Bratli willst brauchst
es lei saga“. Einem etwas schwerfälligen Erstklassler machten die ersten Schreibvorübungen
Schwierigkeiten. Die Kreuzlein und Strichlein wollten einfach nicht in der Zeile bleiben! Er zupfte mich und sagte: „Geah mach du mirs, i konn dia huara Strichla nit“.
Die „Weißl Lina“ wollte immer wieder auf der Schiefertafel von rechts nach links schreiben. Ich nahm
die Kreide zur Hand und sagte in einem etwas schärferen Ton: „Da mußt du anfangen“. Schwer beleidigt gestand mir die Lina: „Daß
dus woascht, am Nommitag kim i diar numma“. Asch döcht gleich wegar oam“, meinte der Kleine daneben. Ich sagte darauf. „Aber
mir ist es nicht gleich, ich hätte einen großen Verdruß, wenn das Platzl da in der 1. Bank leer wäre“. Die Lina schluckte, kam dann bei
der Pause heraus und sagte mir still ins Ohr: „Am Nommitag kim i schua wieder“.
Der kleine Thöni Bua, einer von 12 Geschwistern kam bei ärgster Kälte meist halb angezogen in die Schule. Die Mütze fand er nicht
mehr und „'z Tschölderle“ war im „Ofaloch“ verbrennt. Die Schuhe waren selten geschnürt und unter der Nase hing meist eine „saftige
Glocke“. Ich fragte, wo das Taschentuch sei. „Hon koans, schneuz du mi“, war die Antwort. Darauf sagte seine große Schwester in
der Oberabteilung: „Na ischt dös a frecher Siach, heint sag is aber am Våter“.
Wir waren beim Rechnen und lernten die Zahlbegriffe 4 und 5. „Loisl, magst du lieber 4 oder 5 Äpfel?“, fragte ich. Langsam kams: >I
mag liabar 4 Äpfel“. Der Nachbar dann: A mag liabar 5, weil 5 mia ischt“. Der Loisl schlug mit der Faust auf die Bank und sagte:
„Und i mag liabar 4 Äpfel, weil i d'Äpfel nit gera måg“. (Freilich aß er die Äpfel gern, aber in diesem Falle wollte er nicht unterliegen.)
So vergingen 7 Jahre und ich war „noch immer auf der „Hochschule“. Damals war man sehr bescheiden und ich hätte es unverschämt
gefunden, um eine andere Lehrstelle anzusuchen, nachdem ich 2 Jahre nach der Matura „schon“ eine Anstellung hatte. Schließlich bot
mir bei einer Konferenz in Pfunds der Schulinspektor einen Ortswechsel an.
Die ersten Eindrücke in der Jugendzeit sind unauslöschlich und ich denke noch sehr oft und gerne an meine „Hochschulzeit“ in der
kleinen Bergsiedlung mit ihren liebenswerten Menschen zurück und fühle mich noch immer mit ihnen verbunden.
(Dank für die freundliche Genehmigung des Abdruckes an die Angehörigen von Frau Ida Rief-Aloys)
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