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Im Brauchtum spiegelt sich noch stark der heidnische Kult, in den sich das Verhalten einer Gemeinschaft gegenüber höheren Mächten ausdrückt. Die einzelnen Bräuche folgen
den wechselnden und immer wiederkehrenden Jahreszeiten. In der Vorstellung unserer frühen Vorfahren hatten höhere Mächte Einfluß auf den steten Wandel der Natur. Von diesen hing es ab, ob die
absterbende Natur wieder auflebte, und ob die Kraft der Sonne nach der finsteren Winterzeit wieder zurückkehrte. Die Naturvölker kannten einerseits bedrohliche und andererseits ihnen wohlgesonnene
Mächte oder Götter. Sie zu besänftigen oder zu beschwören und aufzufordern, war eine Notwendigkeit, denn davon hingen Wachstum und Fruchtbarkeit und das Leben überhaupt ab.
Das Verwurzeltsein
im heidnischen Fruchtbarkeitskult ist nach wie vor erkennbar, obwohl das christliche Gedankengut einiges verändert, aufgehoben und erneuert hat. Entscheidend war, daß durch den Einfluß des
Christentums vieles angepaßt wurde und verändert weiterlebte. Der Dualismus "Gut" und "Böse" wurde von guten und bösen Geistermächten auf Engel und Teufel übertragen. Im Lauf der
Zeit erhielten besonders die Heiligen und Schutzpatrone die vorrangige Aufgabe als Fürbitter. Vor allem die Vierzehn Nothelfer wurden und werden auch heute noch um Schutz und Beistand
angerufen.
Am meisten offenbart sich der heidnische Fruchtbarkeitskult natürlich im Fasnachts- und Frühlingsbrauchtum. Wenn der Winter langsam zu Ende geht und die Natur endlich wieder
erwacht, dann gilt es, besonderen Einfluß auf die die Natur beherrschenden Kräfte zu gewinnen. Möglich war dies besonders durch Übertragungsmagie, eine Art Zauber. Dazu gehört einmal die
Lärmerzeugung, denn mit lautem Lärmen konnte man seit jeher Wildes und Böses, das dem Wachstum hinderlich war, verscheuchen. Beispiele dafür sind das Aperschnalzen im Jänner und das Grasausläuten im
Frühling. Unverkennbar ist die Bedeutung des Lärms in der Fasnacht, dem alljährlich wiederkehrenden Kampf zwischen den bösen Geistern des Winters und dem jungen Frühling, der mit der zunehmenden
Kraft der Sonne neuerlich einen Triumph feiert. Neben der Lärmerzeugung, zu dem auch Stampfen und Trampeln zählt, ist die Verkleidung ein Mittel der Übertragungsmagie. Durch das Tragen verschiedener
Masken wird Macht über den gewonnen, in dessen Rolle man schlüpft. Bekleidet mit Masken aus Stroh, Fell, Moos oder Flechten, stellte man selbst bestimmte Fruchtbarkeits- und Vegetationsdämonen dar
und konnte so ihre Macht übernehmen. Unter anderem ist die Höhe des Kopfschmuckes, wie etwa bei den Spiegeltuxern, wichtig - je höher, umso größer die Stärke. Und der Spiegel strahlte das Licht, ein
Symbol für die Sonne, wider. Eine große Rolle im Kult spielte der Tanz. Doch wurden die obszönen Fruchtbarkeitstänze, bei denen sich nackte Tänzer paarten, mit dem Einzug der christlichen Religion
aus dem Brauchtum verbannt.
Viele der überlieferten kultischen Handlungen haben mit dem jahreszeitlichen Wechsel des Sonnenstandes zu tun. Vor allem im Winter, dessen Dunkelheit und Kälte
unseren Vorfahren lebensbedrohlich schien, wurde die Sonne zur Zeit ihres tiefsten Standes durch das Entzünden und Abbrennen von Feuern beschworen. Den Germanen war das Julfest zur Wintersonnenwende
(Jul kommt vom angelsächsischen Wort "hweol", was Rad, ein Sinnbild für die Sonne, bedeutet) wichtig, bei dem ein besonderer Holzblock verbrannt wurde. Das germanische Julfest ist ebenso
wie der Sonnenkult der Römer in das Weihnachtsfest eingegangen. Im Jahr 354 hatte Papst Liberius den Geburtstag Jesu Christi vom 6. Jänner (Fest der Epiphanie) auf den 25. Dezember, den Kulttag des
römischen Sonnengottes, verlegt.
Lärm verschiedenster Art sollte in den Nächten vor und nach der Sonnenwende ebenfalls die umgehenden Geister bannen - das Neujahrsschießen ist ein Rest davon.
Auch das Räuchern während der Rauhnächte sollte ähnliches bewirken.
Eine weitere Form der Übertragungsmagie ist das Schmücken. Mit Tannenzweigen und Reisig soll Segen und Glück über das Haus
kommen. Der Christbaum wird z. B. auch mit Nüssen und Äpfeln, alten Fruchtbarkeitssymbolen, behängt. Hinter dem Beschenken steckt der alte Volksglaube, daß dadurch beim Beschenkten manches bewirkt
wird: Kraft, Gesundheit oder Reichtum. Ähnlich ist es bei den sogenannten Heischebräuchen, zu denen das ursprüngliche Sternsingen und das Anklöpfeln zählt. Die von Haus zu Haus ziehenden und um Gaben
heischenden (bettelnden) Kinder oder Erwachsenen konnten dadurch ihre Kraft mehren und die bösen Geister bannen.
Heute hat man viele dieser Zusammenhänge erkannt, andererseits kann auch die
Brauchtumsforschung nicht alles klären, was sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt und verändert hat. Die äußere Erscheinung ist geblieben, während sich die Bedeutung eines Brauchs geändert haben
mag.
Wie sehr die Tiroler an alten Überlieferungen festhalten, mit welchem Eifer und welcher Hingabe, kann man immer wieder feststellen.
An den Brauchtumsveranstaltungen sind neben den
überall im Alpenraum üblichen Blasmusikkapellen und Trachtengruppen wesentlich die Tiroler Schützen beteiligt.
Gekleidet in ihre alten Trachten, fehlen sie bei keiner Festlichkeit, ob weltlich
oder kirchlich, und prägen auf diese Weise das Brauchtum.
Der Urheber des Schützenwesens war Kaiser Maximilian 1., der die Liebe und Verbundenheit der Tiroler zu ihrer Heimat bestens kannte.
Im Landlibell von 1511 wurde urkundlich die Verpflichtung der Tiroler festgehalten, die Verteidigung ihres Landes selbst zu übernehmen. Sie erhielten dafür die Waffenfreiheit, auch wurden sie
weiterhin zu keinem Krieg außerhalb des Landes Tirol herangezogen. Organisiert in Schützenkompanien, wählten sie selbst ihre Anführer. In Kriegszeiten wurden zur Verteidigung der Landesgrenzen die
entsprechenden Positionen eingenommen, die man selbst am besten kannte - speziell die Pässe, Klausen und Talengen. In all den Jahrhunderten dieser mit Todesmut ausgeführten Verteidigung der Heimat
treten besonders zwei Höhepunkte hervor:
Die Schlacht am Bergisel 1809, in der die Schützen unter Andreas Hofer den französischen Truppen Napoleons standhielten und der Erste Weltkrieg, als
die Schützen nach der Kriegserklärung Italiens im Jahr 1915 ihr Land in den hohen Gebirgsregionen, in Fels und Eis, bis zum Ende verteidigten. Daß Tirol nach Kriegsende dennoch geteilt wurde, daß
Südtirol nach so vielen Jahrhunderten Gemeinsamkeit zu Italien kam, war dann umso schmerzlicher und bitterer.
Nach dem Krieg war auch die Zeit der militärischen Aktivität der Schützen
beendet.
Umso mehr lebt das Schützenwesen in der geistigen Tradition vergangener Jahrhunderte weiter. Als oberste Grundsätze gelten: Treue zu Gott, geistige und kulturelle Einheit des Landes
(Tirol bedeutet in ihrem Sinn nach wie vor das Land an Etsch, Eisack und Inn), Schutz von Heimat und Vaterland sowie Würde und Freiheit des Menschen. Die heute weit über 20.000 Mitglieder, Männer aus
allen Berufsschichten - gleich welcher Parteizugehörigkeit - sind in zwei großen Schützenbünden vereint, dem Bund der Tiroler Schützenkompanien und dem Schützenbund der Südliroler. Neben ihren
Kompanie-, Bataillons- und Regimentsfesten sind sie, wie schon gesagt, aus traditioneller Verpflichtung der Heimat gegenüber stets in der Öffentlichkeit vertreten.
Dieser Artikel ist mit freundlicher Genehmigung des KOMPASS-Verlages dem Buch von Brigitte Teutsch und Günther Haas: Tiroler Brauchtum rund ums Jahr, Kompass-Verlag 1995 (ISBN 3-87051-754-9) entnommen.
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